Anders als in der Zeit der großen Anti-Atom-Bewegung ist ein Zug mit hoch radioaktiven Atomabfällen ohne Zwischenfälle quer durch Deutschland bis ans Ziel gerollt. Die sieben aus Großbritannien kommenden Castor-Behälter erreichten am Abend das Zwischenlager in Niederaichbach. Um 19.10 Uhr passierte der Zug das Tor. Damit geht ein weiteres Kapitel deutscher Atomkraftgeschichte seinem Ende entgegen. Denn: Es war der vorletzte Castor-Transport dieser Art.
Vor dem deutschen Atomausstieg hatten Castor-Transporte Großeinsätze der Polizei mit Zehntausenden Kräften zur Folge. Massenproteste und Störungen entlang der Strecke ließen die Transporte nur im Schritttempo vorwärtskommen.
Diese Zeiten sind vorbei. Die Fahrt sei störungsfrei verlaufen, teilten Sprecher der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) und der Polizei mit. Gestartet war der Zug am Mittwochabend im Hafen von Nordenham in Niedersachsen. Die Ankunft am Ziel lockte auf den letzten Kilometern etliche Schaulustige an, die sich das Spektakel samt enormem Polizeiaufgebot nicht entgehen ließen.
Der Bahnhof in Wörth an der Isar war abgeriegelt, dort wurden die Personenwaggons abgekoppelt, in denen Polizeibeamte die Fahrt begleitet hatten. Auf Wiesen und Feldern entlang der Gleise waren Beamte postiert, damit sich niemand den Castoren nähern konnte. Die Reiterstaffel der Bundespolizei Berlin patrouillierte. Insgesamt sicherten nach Behördenangaben mehrere tausend Polizisten den Transport ab.
Stiller Protest
Entlang der Strecke veranstalteten Atomkraft-Gegner Kundgebungen und Mahnwachen, zumeist in kleinen Gruppen. Im Vergleich zu früheren Jahren war das eher ein stiller Protest. Eine Sache stellen die Atomkraft-Gegner unisono aber klar: Ihre Kritik richte sich nicht gegen die Rücknahme des Atomabfalls, der ursprünglich aus Deutschland stammt.
Vielmehr seien die Proteste - früher wie heute - «Ausdruck der Ablehnung der Atomkraft als solcher», sagte Helge Bauer, Sprecher des Vereins Ausgestrahlt. Nach dem deutschen Atomausstieg sei die ehemals große Bewegung aber kleiner geworden. Zudem gebe es heute neue politische Themen, zu denen sich Menschen sinnvoll engagierten.
«Viele werden sich an die Bilder der Castor-Transporte nach Gorleben und die riesigen bunten Proteste aus der Zivilgesellschaft erinnern», sagte BN-Landesbeauftragter Martin Geilhufe. Diese habe mit den Mitteln der Demokratie einen gesellschaftlichen Großkonflikt beendet - die Atomkraftwerke seien abgeschaltet.
Dennoch versuchten «einige Politiker, allen voran Ministerpräsident Söder, die Atomkraft wieder salonfähig zu machen», so Geilhufe. Das zentrale Problem bleibe aber ungelöst: «Wohin mit dem strahlenden Müll?» Der Castor-Transport mache deutlich, dass es keine sichere Entsorgung gibt. «Und dass unsere Verantwortung mit dem Atomausstieg nicht endet.»
Ein Greenpeace-Sprecher sprach von unnötigem Herumfahren von Atommüll. Schließlich würden die Castor-Behälter in Zwischenlager gebracht, um sie eines Tages in ein Endlager zu fahren - und jede Fahrt sei gefährlich. Die Mahnwachen seien als Bestätigung zu verstehen, dass der Atomausstieg richtig gewesen sei.
Schnellere Endlager-Suche gefordert
Die Landtags-Grünen, ÖDP, der Bund Naturschutz und weitere Gruppen kritisierten die Unterbringung der Behälter in Zwischenlagern insbesondere deshalb, weil die länger betrieben werden müssten als geplant - ein Standort für ein Endlager ist noch nicht gefunden.
Die Landtags-Grünen forderten die bayerische Staatsregierung auf, sich mit allen Mitteln für mehr Sicherheit für die Castorhallen einzusetzen und die Endlager-Suche voranzutreiben. «Denn die Zwischenlager, die ursprünglich für nur 40 Jahre geplant und genehmigt wurden, werden wohl mindestens 80 bis 100 Jahre oder noch länger gebraucht werden», sagte der energiepolitische Sprecher Martin Stümpfig. Damit stiegen auch die Gefahren, etwa von Terrorangriffen, da sich die Waffen in den letzten Jahren und Jahrzehnten erheblich weiterentwickelt hätten.
Zur Rücknahme des Atommülls verpflichtet
Bei dem Atommüll handelt es sich um Überreste von Brennelementen aus deutschen Kernkraftwerken, die in England aufgearbeitet wurden. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich zur Rücknahme der Atomabfälle völkerrechtlich verpflichtet.
Die Rückführung von Atommüll aus La Hague wurde den Angaben nach mit dem Transport von vier Castor-Behältern 2024 nach Philippsburg (Baden-Württemberg) beendet. Mehr als 100 Behälter waren zwischen 1995 und 2011 ins Zwischenlager in Gorleben (Niedersachsen) gebracht worden.
Aus der Aufarbeitungsanlage Sellafield müssen jetzt noch sieben weitere Castor-Behälter zurückgenommen werden, die in Brokdorf (Schleswig-Holstein) zwischengelagert werden - damit wird dann auch die Rücknahme von Atommüll aus Großbritannien abgeschlossen.
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